Formel Corona

Ich würde gerne einmal versuchen, das Thema Gesundheitswesen und Corona für Deutschland in einem Gleichnis darzustellen. Vielleicht komme ich darauf, weil ich selbst so ein alter Motorsport-Fan bin, der früher jedes Jahr zu einem Formel-1-Rennen gefahren oder geflogen ist.

Wenn man sich die Zahlen zu Corona anschaut, liegt der Schluss nahe, dass wir, trotz der Industrialisierung und Privatisierung der Medizin in den letzten Jahren, ein deutlich besseres und leistungsfähigeres Gesundheitswesen haben als fast alle anderen europäischen Länder. Sogar als fast alle anderen Länder weltweit.

Übertragen wir das mal auf den Motorsport, zum Beispiel die Formel 1. Das Ziel ist, ein besonderes Rennen zu gewinnen. Einen Wettkampf. Den Wettkampf gegen Corona. Im Ziel angekommen zu sein, bedeutet, dass wir alle sagen können: „Wir haben es überstanden. Es geht uns gut. Die Wirtschaft ist gesund. Wir haben eine gute Perspektive.“

Wir, die Deutschen, haben das beste Auto. Mit dem besten und leistungsfähigsten Motor, dem besten Fahrwerk und den besten Reifen. Um das Rennen zu gewinnen, müsste darin jetzt noch der beste Fahrer sitzen oder wenigstens ein guter Fahrer. Der in der Lage ist, die technischen Möglichkeiten des besten Autos bis an die Grenzen zu nutzen, ohne einen Motorschaden zu riskieren oder die Reifen zu früh zu verschleißen. Das Problem ist, dass wir weder einen solchen Fahrer haben noch die Rennstrecke genau kennen. Das Problem ist, dass wir das genaue Gegenteil eines solchen Fahrers haben. Sondern jemanden, der nicht weiß, wo das Gaspedal ist, wie man das Fahrzeug an seine Grenzen bringt, ohne es kaputt zu machen und der stattdessen lieber bei jeder Gelegenheit auf die Bremse tritt, weil das sicher ist.

So gewinnt man keine Rennen. Als die Maßnahmen gegen Corona beschlossen wurden, hieß es, es gehe darum, die Anzahl der Infizierten und vor allem der schweren Verläufe auf einem Niveau zu halten, das unterhalb der Kapazitätsgrenze der Kliniken liegt. Nun, die Kapazitätsgrenze der Intensivbetten mit Beatmungsplätzen liegt bei 20.000. Beatmete Patienten haben wir in Deutschland aktuell 2009 (20.04.2020). 10 Prozent der Kapazität sind also nur ausgelastet. Der Peak wurde für genau heute errechnet. Ein besorgniserregender Peak ist ausgeblieben. Kliniken haben Pflegepersonal in Kurzarbeit geschickt oder entlassen. Will man vorwärts kommen, dann muss man jetzt so weit lockern, dass die Auslastung der Kapazität steigt. 10.000 Beatmete wären das Fünffache. Kein Problem. Immer noch 50 % Reserve. Das kann man noch weiter steigern. Womöglich käme es nie zu einem solchen Anstieg.

Es liegt nicht am Gesundheitswesen. Es liegt an den Entscheidern, an den „Fahrern“. An denen, die das Formel-1-Auto „Gesundheitswesen Deutschland“ fahren sollen. Wenn der Fahrer nur 10% Gas gibt und wieder auf die Bremse tritt, sobald 20% Leistung erreicht sind oder, noch sicherer, gar nicht erst losfährt, dann kann das nichts werden.

Darum meine ich, es wird Zeit für umfassende Lockerungen. Aber unter Aufrechterhaltung bzw. Einrichtung effektiver Schutzmaßnahmen, wie die allgemeine Pflicht zum Tragen eines Mundschutzes oder einer Behelfsmaske da, wo Menschen in geschlossenen Räumen zusammenkommen, etwa in Einkaufsmärkten und öffentlichen Verkehrsmitteln. Dafür brauchen wir die Akzeptanz in der Bevölkerung, im Gegenzug hat diese aber auch die maximale Lockerung von Kontakteinschränkungen verdient. Beides zusammen, Kontaktverbote sowie eine fortgesetzte Schließung von beispielsweise Hotels und Restaurants, ist eine Übertreibung im Sinne maximalen Bremsens. (jw)

Foto: pixabay