Blühwiesen gegen Insektensterben

In meiner Heimatstadt Rinteln, wie auch anderswo, gibt es jetzt eine Initiative, um die Stadt zu einem insektenfreundlichen Ort zu machen. Das finde ich sehr gut und mehr kann man als Bürger ja auch erstmal nicht machen. Aber reicht das?

In vielen Regionen Deutschlands sind in den letzten 27 Jahren 75 Prozent der Biomasse aller Insekten verschwunden. Das ist alarmierend und es ist Zeit, etwas dagegen zu tun. Es ist fraglos richtig, dass man durch ein Belassen von Blühwiesen und ein kluges Mahdmanagement einen Beitrag leisten kann, um den Insekten einen Teil ihres verlorenen Lebensraums zurückzugeben. Wo es geht, sollte man das machen. Klug heißt aber auch, Wiesen und Sträucher da kurz zu halten, wo Kinder spielen. Denn eine insektenfreundliche Wiese ist auch zugleich eine zeckenfreundliche Wiese. Dass diese eher weniger nützlichen und mitunter gesundheitsgefährdenden Lebewesen auf Bäumen sitzen, um sich dann herunterfallen zu lassen, ist eine Legende. Ihr Lebensraum sind Gräser und Sträucher bis 80 cm Höhe.

Doch die Ursache für die Vernichtung der Insektenpopulationen in den letzten Jahrzehnten besteht sicher nicht in zu kurz gemähten Rasenflächen in heimischen Gärten oder öffentlichen Anlagen. Die besteht eher im Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden in der Landwirtschaft, um die Produktivität zu erhöhen sowie in der Bepflanzung großer Flächen mit Mais-Kulturen für die unsinnige, weil vergleichsweise ineffiziente Energiegewinnung aus Biomasse. Maisfelder sind ökologische Wüsten: extrem artenarm und lebensfeindlich. Dass Landwirte hier Ausgleichsflächen mit Blühwiesen schaffen ist gut und richtig. Es ändert aber nichts daran, dass es das Problem gar nicht gäbe, wenn die Landwirtschaft auf industriell hergestellte Dünger und Pestizide sowie auf die Verstromung von Biomasse in Biogas-Anlagen verzichten würde.

Dass man auf industriell hergestellte Düngemittel und Pestizide verzichten kann, ist durch die Bio-Landwirtschaft hinreichend belegt. Das fängt bereits bei der Auswahl des Saatgutes an. Manche Sorten, die Top-Erträge versprechen, sind geradezu abhängig vom Einsatz von Dünger und Pestiziden. Dann muss man eben weniger anspruchsvolle und weniger ertragreiche Sorten nehmen. Und dann müssen Lebensmittel eben teurer werden. Die Verstromung von Biomasse nützt ohnehin niemandem, außer den Landwirten, die darin investiert haben.

Dass das nicht von heute auf morgen geht, ist klar. Landwirte, die in Biogas-Anlagen investiert haben, müssen dafür einen gewissen Bestandsschutz haben. Aber man kann dafür sorgen, dass nicht noch weitere Anlagen gebaut werden. Wer industrielle Landwirtschaft betreibt und am EU-Subventions-Tropf hängt, kann nicht von heute auf morgen auf Bio umstellen, aber grundsätzlich könnte er es schon.

Was wir brauchen, ist ein gesellschaftliches Umdenken und das beginnt damit, dass man den Leuten die Wahrheit sagt und aufzeigt, wo die Probleme liegen. Blühwiesen gegen Insektensterben sind sehr gut, lösen aber allein nicht das Problem.(jw)

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